Belohnung ist die neue Strafe

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Belohnung ist die neue Strafe

Dass Strafe als Mittel zur Erziehung oder Mitarbeitermotivation nicht wirklich funktioniert, hat sich ja bei den meisten mittlerweile herumgesprochen. Dass Belohnungen aber auf dem gleichen Grundprinzip basieren wie Strafen, ist den wenigsten Menschen bewusst.

Sowohl Strafe als auch Belohnung basieren auf den Prinzip der Kontrolle. In den Fällen, in denen sie genutzt werden, gibt es einen Menschen, der Zugang zu bestimmten Ressourcen hat und den Zugang zu ihnen erlauben oder verwehren kann. Oder er hat Mittel und Weg in der Hand, die er nutzen kann, dem anderen Schaden zuzufügen. Diese Möglichkeiten basieren daher immer auf einer Machtposition gegenüber jemand anderem und sei sie auch noch so milde ausgeübt.

Für denjenigen, der belohnt oder bestraft werden kann, geht in solchen Situationen somit immer ein Autonomieverlust einher. Extrinsische Motivation ist somit keine echte Motivation, sondern lediglich Kontrolle. (Näheres dazu finden Sie in Decis Klassiker Why we do what we do.)

Derjenige, der belohnt und bestraft werden kann, kann nicht mehr selbst entscheiden, ob er etwas tun möchte oder nicht, sondern ist durch das hierarchische Gefälle gezwungen, sich wie gewünscht zu verhalten. Kontrollierende Motivation mündet daher – sofern sie gelingt – in Fügsamkeit. Mitarbeiter tun das, was ihr Chef ihnen sagt, damit sie ihren Job (und ihr Einkommen) nicht verlieren, Kinder räumen ihr Zimmer auf, damit sie abends noch fernsehen dürfen und Schüler lernen für eine Klassenarbeit, damit sie bei guten Noten eine Geldprämie von der Oma erhalten.

Entfällt die Machtposition, funktionieren auch die Kontrollmechnismen durch Belohnung und Strafe nicht mehr. Gewinnen Mitarbeiter im Lotto (unwahrscheinlich) oder können ein großes Erbe antreten (schon wahrscheinlicher), ist eine potentielle Kündigung plötzlich viel weniger bedrohlich. Kinder, die Freunde mit einem eigenen Fernseher haben, können dort ihre Lieblingsserie schauen und Schüler, die sich über Nebenjobs Taschengeld hinzuverdienen, brauchen auch nicht mehr zu lernen, um sich Geld über gute Noten zu erarbeiten. Natürlich ist gerade Letzteres nicht besonders schlau, aber die Belohnung mit Geld für gute Noten bewirkt genau das: Die eigentliche Tätigkeit, die durch Belohnung gefördert werden soll, wird entwertet.

Folge 1: Korrumpierungseffekt

Menschen, die sich ursprünglich für eine Tätigkeit interessieren, zeigen bei Belohnung zwar manchmal ein klein wenig mehr Interesse daran, verlieren aber dramatisch an Engagement, falls die Belohnung plötzlich ausbleibt. Kinder, die man dafür bezahlt oder belohnt, Bilder zu malen, malen weniger als vor der Belohnung, sobald diese ausbleibt. Wenn man sagt: „Aber unser Bonus motiviert unsere Mitarbeiter doch! “ ist die Antwort: „Stimmt: Sie motiviert Ihre Mitarbeiter vor allem, mehr Belohnungen haben zu wollen.“ Bei jeder neuen Aufgabe, bei jedem neuen Projekt wird die erste Frage Ihrer Mitarbeiter sein: „Was bekomme ich dafür?“

Belohnungen, die dazu gedacht sind, einen anfänglichen Anreiz zu schaffen, um ihn dann später „zurückzufahren“, sobald jemand ausreichend selbstmotiviert ist, funktionieren nicht. Sie haben sogar den gegenteiligen Effekt: Nachher ist es schlimmer als vor der Belohnung!

Folge 2: Widerstand

Der Korrumpierungseffekt ist jedoch nicht der einzige negative Fall, der durch Belohnung und Strafe eintreten kann. Die intendierte Fügsamkeit kann auch in Widerstand umschlagen. Auf den ersten Blick wirkt das häufig unlogisch. Ist es aber nicht.

Stellen Sie sich vor, wir beide sitzen zusammen in einem Café am Tisch. Plötzlich kommt ein Fremder hinzu und gibt mir 10 Euro in die Hand mit den Worten: „Diese 10 Euro dürft Ihr behalten! Die einzige Bedingung ist, dass Du, Lars, entscheidest, wie viel von den 10 Euro Du an Dein Gegenüber abgeben möchtest. Du kannst den Betrag, den Du abgeben möchtest, frei wählen. Alles von 1 bis 10 Euro ist möglich. Aber: Wenn Dein Gegenüber den von Dir angebotenen Betrag ablehnt, erhält keiner von Euch Geld und ich nehme die 10 Euro wieder mit.“

Bei welchem Betrag würden Sie mein Angebot ablehnen? 4 Euro? 3 Euro? 2 Euro? Oder würden Sie alles unter 5 Euro ablehnen, weil Sie nur Fifty-Fifty akzeptabel finden?

Das, was ich hier darstelle, ist ein hundertfach wiederholtes Experiment namens Ultimatumspiel. Unabhängig vom jeweiligen kulturellem Kontext konnte nachgewiesen werden, dass die meisten Menschen das Angebot ablehnen werden, sobald es unter 30 Prozent fällt.

Gut, nehmen wir an, ich biete Ihnen tatsächlich 3 Euro an und Sie lehnen ab, weil Sie es ungerecht finden. Niemand kriegt etwas. Was folgt daraus?

Es zeigt zum einen, dass die Idee vom homo oeconomicus ein Trugschluss ist. Wenn Sie 3 Euro erhalten hätten, hätten Sie in jedem Fall 3 Euro mehr als vorher gehabt.  Es wäre also durchaus ein Vorteil und finanzieller Gewinn für Sie gewesen, selbst im Angesicht der Tatsache, dass ich 7 Euro erhalten hätte.

Wir Menschen haben aber die Tendenz, finanzielle Belohnungen abzulehnen, wenn andere Faktoren ins Spiel kommen, die sie in einem anderen Licht erscheinen lassen. (Übrigens wurde das Ultimatumspiel auch mit Computern durchgeführt. Wenn Maschinen das Geld aufteilen, ist die Tendenz, dass wir auch kleine Angebote akzeptieren, deutlich höher. Wir fühlen uns von ihnen eben nicht ungerecht behandelt.)

Folge 3: Ego involvement

Ein vieldiskutiertes Thema hinsichtlich Belohnungen sind Lob und Anerkennung. Da es sich hierbei nicht um materielle Belohnungen handelt, geht man oft davon aus, dass sie gut geeignet sind, um Mitarbeiter, Schüler und Kinder zu motivieren. Sozusagen als Bestätigung für erbrachte Leistung. Doch wenn Lob, Wertschätzung und Anerkennung als Belohnung genutzt werden, können auch sie zum Bumerang werden.

Wird Anerkennung als Belohnung instrumentalisiert, kann es sehr leicht dazu kommen, dass sich der Gelobte nur dann als wertvoll empfindet, wenn er gute Leistung oder Ergebnisse erbracht hat. Sein Selbstwertgefühl hängt dann davon ab, immer alles richtig gemacht zu haben. Wenn er scheitert, kratzt das automatisch an der Persönlichkeit und die Person fühlt sich wertlos. Die Psychologie nennt das auch ego involvement.

Die Instrumentalisierung von Lob und Wertschätzung bei Erfolg führt deshalb dazu, dass wir Herausforderungen vermeiden, aus Angst zu versagen. Details zu diesem Aspekt von Belohnung und Strafe finden Sie in meinem Artikel Es sind nicht die Noten, sondern der Kontext. Dort finden sich auch einige Hinweise und Tipps, mit denen Sie die negativen Effekte von Kontrollsituationen vermeiden können. Ebenso in der Zusammenfassung für die Bedingungen einer motivierenden Gemeinschaft.

Von | 2017-11-22T12:02:03+00:00 16. Oktober 2017|Kategorien: Motivation|Tags: , , , , |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich bin Personal- & Organisationsentwickler und freiberuflich als Trainer und Berater tätig. Meine Themenschwerpunkte sind Motivation, Führungskräfteentwicklung, digitales Lernen und konstruktivistische Lerntheorie.

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