Das Gehirn ist kein Computer, sondern ein Muskel

  • Das Gehirn ist kein Computer

Das Gehirn ist kein Computer, sondern ein Muskel

Wohin man auch schaut: Unsere Sprache ist voll von Redewendungen und Äußerungen, die unser Gehirn mit einem Computer oder einer Festplatte vergleichen. Die aktuellen Diskussionen rund um das Thema künstliche Intelligenz tun ein Übriges, diese Sichtweise auf menschliches Lernen noch zu verstärken.

„Das muss ich mir noch auf die Festplatte ziehen“, „Informationen abspeichern“, „Sein Prozessor ist etwas langsamer“, „Ich hab eine lange Leitung“ – all das sind Metaphern und Ausdrücke, die häufig dazu genutzt werden, Lernprozesse zu beschreiben. Natürlich ist meistens allen klar, dass die Unterschiede zwischen der Funktionsweise unseres Gehirns und der eines Computers gewaltig sind. So ist unser Hirn beispielsweise auch dann tätig, wenn es keinen Input von außen erhält und im Gegensatz zu einem PC rund um die Uhr aktiv. Auch Emotionen spielen für unser Lernen und die Informationsverarbeitung eine wichtige Rolle.

Der gravierendste Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Computer ist jedoch ein anderer. Ein Computer besteht aus einer unveränderlichen Hardware auf die bestimmte Software aufgespielt werden kann. Also beispielsweise das Betriebssystem als grundlegendes Arbeitsprogramm und alle möglichen weiteren Apps, Programme und Informationen, die man sich wünscht. Für ihre Arbeit haben Computer verschiedene Bausteine, die ähnlich wie im Gehirn miteinander verbunden sind und für bestimmte Aufgaben vorgesehen sind. Es gibt Grafikkarten, Speicherbereiche, Prozessoren und vieles mehr. Das Gehirn hat ebenfalls bestimmte Funktionsbereiche für die Sinneswahrnehmung, Sprache, Mustererkennung usw. Doch hier endet die Gemeinsamkeit.

Denn Computer verändern sich nicht, wenn sie Informationen verarbeiten. Diesen Umstand kennt jeder von uns. Er begegnet uns immer dann, wenn es für unser veraltetes Handy kein Update mehr gibt. Oder wenn wir unseren Rechner nicht auf Windows 10 aktualisieren können, weil die Systemvoraussetzungen nicht ausreichen. Wenn wir Software aktualisieren oder neue Informationen auf der Festplatte ablegen, kann der Rechner selbst zwar „irgendwie“ leistungsfähiger werden. Die Hardware an sich bleibt dabei jedoch unberührt.

Wenn wir den Vergleich „Das Gehirn ist ein Computer“ nutzen, dann fördern wir damit eine Sichtweise, die unsere menschliche Intelligenz und unser Lernen als etwas Statisches und Fixiertes begreift. Wir denken dann, dass ein Mensch beispielsweise etwas „nie begreifen kann“, weil ihm die Voraussetzungen dafür fehlten. So wie es weniger leistungsfähigere Computer mit langsameren Prozessoren gibt, gibt es auch langsamere und weniger leistungsfähigere Gehirne. Letztlich führt diese Sichtweise also zu dem, was Carol Dweck als Fixed Mindset bezeichnet.

Das Gehirn ist wie ein Muskel

Doch das Gehirn besitzt im Gegensatz zu Computern eine besondere Fähigkeit: Lernen und Informationsverarbeitung verändern das Gehirn. Mit jedem Lernvorgang bauen wir die Verbindungen zwischen verschiedenen Bereichen und Zentren des Gehirns um. Wir strukturieren Wissen, Kompetenzen und Informationen neu. Wenn man also einen Vergleich nutzen möchte, um die Funktionsweise eines Gehirns zu illustrieren, dann funktioniert es viel eher wie ein Muskel. Mit jeder Tätigkeit, die es ausübt, verändern wir seine Struktur. Lernen und Informationsverarbeitung erzeugt aus bisher wenig verknüpften Neuronen neue, stärkere Verbindungen. Wie ein Muskel wird es stärker, bestimmte Prozesse zu vollziehen, wenn wir eine Tätigkeit häufig genug üben und wiederholen. Wenn wir bestimmte Dinge nicht mehr tun, führt es natürlich auch dazu, dass Verbindungen verkümmern und abgebaut werden.

Betrachten wir Lernen und die Fähigkeiten unseres Gehirns auf diese Weise, so können wir erkennen, dass im Grunde genommen jedes Gehirn in der Lage ist, jede erdenkliche Fähigkeit zu erlernen. Wenn wir das Gehirn wie einen Muskel betrachten, gelangen wir zu einer Sichtweise, die dem entspricht, was mit Growth Mindset gemeint ist.

Von | 2017-09-17T15:34:30+00:00 25. September 2017|Kategorien: Didaktik, Lernen|Tags: , , |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich bin Personal- & Organisationsentwickler bei der MediaMarktSaturn Deutschland GmbH und außerdem freiberuflich als Trainer tätig. Meine Themenschwerpunkte sind Führungskräfteentwicklung, Motivation, E-Learning und konstruktivistische Lerntheorie.

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