Gibt es autonomiefördernde Regeln? Autonomie verstehen II

  • Gibt es autonomiefördernde Regeln?

Gibt es autonomiefördernde Regeln? Autonomie verstehen II

Im Artikel Autonomie verstehen habe ich vor ein paar Wochen einige Worte darüber verloren, was Selbstbestimmung (wirklich) ist. Und auch darüber, was sie nicht ist. Unbeantwortet blieb jedoch die Frage: Kann man trotz Grenzen Autonomie fördern? Gibt es so etwas wie autonomiefördernde Regeln?

Grenzen entstehen durch verbindliche Regeln; egal, ob das nun Spielregeln, Arbeitsvorgaben oder Gesetze sind. Und in vielen Bereichen sind sie vollkommen unumgänglich, ja sogar notwendig. Das gilt sowohl für die Arbeitswelt, als auch für Spiele. Ein Spiel entsteht erst durch die Spielregeln, die mir Grenzen setzen: Spielen ist die Überwindung freiwillig akzeptierter, aber verbindlicher Hindernisse. In diesem Satz steckt bereits das ganze Geheimnis der Motivation.

Wenn wir mit anderen gemeinsam spielen möchten, gibt es immer für alle Mitspieler verbindliche Regeln. Manche Spiele machen sogar konkrete Vorgaben, was zu tun ist, falls sich einer der Spieler nicht an die Regeln hält. (Zum Beispiel die gelbe und rote Karte beim Fußball.) Bevor wir jedoch spielen, haben wir diese Regeln freiwillig akzeptiert. Niemand hat uns dazu gezwungen, sie zu akzeptieren. Wir hatten vorher die Wahl, ob wir Fußball spielen möchten oder nicht. Wir hatten vielleicht sogar die Wahl, wann, wo und mit wem wir spielen möchten. Wenn wir uns also freiwillig entschieden haben, die verbindlichen Regeln zu akzeptieren, steht das nicht im Widerspruch dazu, Autonomie erleben zu können. Gibt es also die Möglichkeit, Autonomie zu fördern und trotz allem Regeln zu haben? Bedeutend Regeln nicht automatisch eine Kontrolle?

Die folgenden drei Regeln (sic!), helfen Ihnen, autonomiefördernde Regeln von kontrollierenden Regeln zu unterscheiden.

Regel 1 – Größtmögliche Offenheit

  • Wann immer möglich: Stecken Sie Grenzen so weit wie möglich!

Je weiter die Grenzen gesteckt sind, desto mehr Entscheidungsfreiheit und Optionen gibt es für diejenigen, die sich innerhalb des Systems bewegen. Nichts ist frustrierender als zu bemerken, dass Grenzen enger gesteckt wurden, als es eigentlich notwendig ist. Gerade in Unternehmen werden Prozessvorgaben jedes Mal, wenn ein Fehler aufgetreten ist, verschärft und enger gefasst. Das soll natürlich dazu dienen, den Fehler in Zukunft zu vermeiden. Wenn aber jedes Mal, sobald ein Fehler auftaucht, neue, zusätzliche Regeln hinzukommen, wird das Netz, in dem sich Mitarbeiter wiederfinden immer enger. Hinzu kommt, dass die Chance, dass sich die Regeln untereinander widersprechen, immer größer wird, je mehr Regeln hinzukommen. Häufig wäre es durchaus sinnvoll, die Vorgaben insgesamt zu überdenken, statt sich in Feinregulierungen zu verstricken.

Regel 2 – Vereinbarungen

  • Wann immer möglich: Treffen Sie gemeinsam Vereinbarungen.

Die Motivationsforschung hat nachgewiesen, dass wir Regeln viel leichter akzeptieren und befolgen, wenn wir sie gemeinsam vereinbart haben. Diese Vereinbarungen müssen natürlich auf Augenhöhe geschlossen werden. Es nützt nichts, wenn ein Vorgesetzter seinen Mitarbeiter ins Büro zitiert, ihm dann bestimmte Dinge aufoktroyiert und später dann sagt: „Wir hatten doch eine Vereinbarung!“ (Wahrscheinlich sind solche Anweisungen, die dann auch noch als Vereinbarung umdeklariert werden, noch viel schlimmer.)

Leider sind Anweisungen und Vorgaben durch Vorgesetzte in den meisten Unternehmen die Regel, da sich die meisten Führungskräfte als Entscheider betrachten, beziehungsweise ihre Funktion im Unternehmen exakt so definiert ist. Aber wie Andreas Zeuch in seinem Buch Alle Macht für niemand anmerkt: „Schnell entschieden ist noch nicht schnell umgesetzt.“

Regel 3 – Transparenz

  • Wann immer möglich: Bieten Sie soviel Transparenz wie möglich!

Natürlich ist es nicht immer möglich, in jeder Situation eine neue Vereinbarung zu treffen – und auch gar nicht praktikabel. Es wird immer wieder der Fall eintreten, dass bestimmte Regeln oder Vorgaben bereits vorhanden sind. Die Regeln für das Fußballspielen sind ja auch bereits da und ich muss mich nur noch mit ihnen einverstanden erklären. (Sofern ich „mitspielen“ möchte.)

Wenn dieser Fall eintritt, sollte trotz allem für jede Regel immer exakt klar und transparent sein, warum diese Regel existiert und welchen Zweck sie erfüllt. Je nachvollziehbarer die Begründung einer Regel ist, desto eher wird sie von allen eingehalten werden. Begründungen wie „Das ist halt historisch gewachsen!“ oder „Der Chef will das so!“ zählen übrigens nicht dazu.

Von | 2017-11-21T09:13:50+00:00 20. November 2017|Kategorien: Motivation, Organisationsentwicklung|Tags: |0 Kommentare

Über den Autoren:

Ich bin Personal- & Organisationsentwickler und freiberuflich als Trainer und Berater tätig. Meine Themenschwerpunkte sind Motivation, Führungskräfteentwicklung, digitales Lernen und konstruktivistische Lerntheorie.

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