Grit – Erfolg ist ein Marathon und kein Sprint

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Grit – Erfolg ist ein Marathon und kein Sprint

Beschäftigt man sich mit der Frage, warum manche Menschen bei bestimmten Aufgaben erfolgreicher sind als andere, warum sie Dinge besser lernen als andere oder warum sie ihre Ziele besser erreichen als andere, stellt sich schnell eine zweite Frage: Liegt es an den Menschen selbst oder ist es der Umgebung geschuldet?

Sehr oft wird erfolgreichen Menschen eine herausragende Intelligenz, eine starke Motivation oder ein besonderes Talent für die jeweilige Tätigkeit bescheinigt. Aber die Forschung hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten herausgefunden, dass diese Erklärungen nicht stimmen oder zumindest zu kurz gedacht sind. Der klassische Intelligenztest beispielsweise verrät so gut wie nichts über den (späteren) beruflichen Erfolg eines Menschen. Er kann maximal als Richtschnur dafür dienen, wie erfolgreich jemand die Schule abschließen wird. Aber da dieser verengte Intelligenzbegriff sich auf das logisch-mathematische Denken und Verstehen konzentriert, ist er wenig hilfreich für Bereiche und Tätigkeiten, in denen diese spezifische Hirnleistung gar nicht gefordert ist.

Und auch die Erklärung, dass einige Menschen grundsätzlich stärker motiviert wären als andere, ist unhaltbar. Menschen sind dann motiviert, wenn sie Umgebungen vorfinden, in denen sie ihre Bedürfnisse entfalten können. Motivation lässt sich nicht als festes Persönlichkeitsmerkmal angeben wie der Ladezustand eines Akkus.

Sogar das „angeborene Talent“ hat sich als Erklärung für Erfolg als haltlos erwiesen. Es gibt sowohl Menschen mit einer außerordentlichen Begabung, die sie jedoch nicht entfalten, als auch Menschen ohne eine derartige Begabung, die zu besonderen Leistungen fähig sind.

Die 10.000-Stunden-Regel

K. Anders Ericsson hat herausgefunden, dass „Intelligenz“ oder „Talent“ als feststehende Eigenschaften eines Menschen eine eher untergeordnete Rolle für herausragende Leistungen spielen. Vielmehr kommt es darauf an, wie intensiv wir uns mit einem Thema auseinandersetzen und wie lange beziehungsweise wie viel wir üben. Das Ergebnis dieser Forschung wird oft vereinfacht als 10.000-Stunden-Regel wiedergeben. Egal, ob wir mit einer hohen logisch-mathematische Intelligenz gesegnet sind oder ob wir für eine Fertigkeit „besonderes Talent“ besitzen: Relevant für eine herausragende Leistung oder Meisterschaft ist vor allem der gezielte und zeitliche Aufwand, den wir betreiben, um uns die Fertigkeit anzueignen.

Die 10.000-Stunden-Regel ist mittlerweile sehr populär geworden und wird leider oft sehr verkürzt wiedergegeben. Ericsson spricht an keiner Stelle davon, dass der rein zeitliche Aufwand ausreicht, um in einem Themengebiet zu einem Experten zu werden. Wichtig ist, dass diese Zeit gezielt genutzt wird. Ericsson nennt das deliberate practice (Reflektierte Praxis). Selbstverständlich gibt es auch Menschen, die deutlich weniger Zeit benötigen, um Experte zu werden. Und ebenso Menschen, die mehr Zeit als 10.000 Stunden benötigen, dieses Level zu erreichen. Fest steht jedoch, dass die Unterschiede zwischen „talentierten“ und „besonders intelligenten“ Menschen gegenüber „Normalos“ bei gezieltem Üben ab 10.000 Stunden immer geringer werden. Insofern ist die 10.000-Stunden-Regel lediglich eine notwendige Bedingung für Expertentum und keine hinreichende.

Grit

Wenn bewusstes und zielgerichtetes Üben der Schlüssel für die Meisterschaft in einer Tätigkeit ist, dann ist Grit (Durchhaltevermögen) eine zentrale Kompetenz, die es uns ermöglicht, den notwendigen zeitlichen Aufwand auf uns zu nehmen, besser zu werden. Erfolg ist ein Marathon und kein Sprint. Aber auch Grit ist keine statische Eigenschaft, die man besitzt oder nicht besitzt. Grit entsteht in bestimmten Umgebungen besser als in anderen.

Extrinsische Motivation fokussiert unseren Blick auf die (unmittelbare) Belohnung und den kurzfristigen Erfolg. Selbst dann, wenn die extrinsischen Ziele weiter entfernt liegen, sind sie von der Tätigkeit selbst entkoppelt. Eliminiert man in diesen Szenarien Belohnung (oder Strafe), verschwindet auch jegliche Motivation für die Tätigkeit. Wenn ich ausschließlich darauf hinarbeite, viel Geld zu haben und ich erhalte das Geld (einfacher) auf anderem Weg, dann wähle ich eben diesen anderen Weg. Für die Entstehung von Grit sind extrinsische Motivatoren also eher kontraproduktiv.

Grit hingegen bedeutet Langfristigkeit und entsteht dann, wenn wir eine Vision von einer (besseren) Zukunft haben. Wenn wir diese Vision verinnerlicht haben, wird sie Teil unserer Persönlichkeit (Edward Deci spricht von „Integration“) und somit der Motor, der uns antreibt und Grit erzeugt. Dazu benötigen wir ein Selbstbild, dass es uns ermöglicht an eine Weiterentwicklung unserer Fähigkeiten zu glauben. Carol Dweck spricht daher von einem Growth Mindset im Gegensatz zu einem Fixed Mindset.

Learning Goals

An dieser Stelle erklärt sich, warum Bewertungen, Noten oder Qualitätsurteile einen negativen Einfluss auf die Entstehung von Grit haben. Eine Bewertung ist statisch. Sie gibt an, wie gut oder schlecht etwas ist und erzeugt in uns somit (eher) das erwähnte Fixed Mindset. (Insbesondere dann, wenn wir mehrere schlechte Bewertungen hintereinander erhalten haben.) Die eingangs erwähnten Aspekte „Intelligenz“ und „Talent“ als Voraussetzung für Erfolg reihen sich nahtlos in diesen Reigen ein. Auch sie fördern die Fixed-Mind-Perspektive. Entweder man ist schlau oder man ist es nicht. Entweder man hat Talent oder man hat keines.

Um es mit Dan Pink auszudrücken: Wenn wir Grit erzeugen wollen, ist es wichtig, dass wir uns selbst (und anderen) keine performance goals (Bewertungen) setzen, sondern learning goals (Prozessfortschritt). Feedback zu unserem Können sollte sich also darauf konzentrieren, Fortschritte sichtbar zu machen.

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Über den Autoren:

Ich bin Personal- & Organisationsentwickler bei der MediaMarktSaturn Deutschland GmbH und außerdem freiberuflich als Trainer tätig. Meine Themenschwerpunkte sind Führungskräfteentwicklung, Motivation, E-Learning und konstruktivistische Lerntheorie.

Ein Kommentar

  1. […] niemand weiß schon vorher, wie weit er selbst oder andere letztlich kommen können, wenn man nur genügend Durchhaltevermögen hat, zu lernen und sich auf seinem Weg nicht beirren lässt. Natürlich gibt es immer Menschen, […]

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