Wie Wikipedia als „kreatives Feld“ Team Flow erzeugt

  • Wikipedia -das kreative Feld

Wie Wikipedia als „kreatives Feld“ Team Flow erzeugt

Die digitalen Pioniere unter Ihnen werden sich erinnern: Im Jahre 1993 machte sich Microsoft daran, eine Wissensenzyklopädie namens Microsoft Encarta zu veröffentlichen: Ein umfangreiches Nachschlagwerk in digitaler Form, das einmal im Jahr von fleißigen Redakteuren aktualisiert wurde.

Geschrieben wurden die Encarta-Artikel von Experten zu den jeweiligen Themenbereichen, denn dieses Vorgehen sollte die Qualität des Nachschlagwerkes sichern. Nur 16 Jahre später stellt Microsoft das Projekt ein: der Kampf gegen die Wikipedia war verloren. Da stellt sich die Frage: Wie konnte ein „Jedermann-Team“ die Experten von Microsoft Encarta schlagen? Mehr noch: Im Jahr 2008  hat Clay Shirky, Professor der New York University, gemeinsam mit dem bei IBM angestellten Wissenschaftler Martin Wattenberg ausgerechnet: In Wikipedia stecken umgerechnet etwa 100 Millionen Stunden Denkzeit. Das entspricht in etwa einer Arbeitszeit von 10.000 Menschen für 5 Jahre. Wie schafft es eine Plattform wie Wikipedia, dass Menschen ohne jegliche Bezahlung ihr Wissen mit anderen kostenlos teilen und viele Stunden, Tage, Wochen oder gar Monate Ihrer Freizeit dazu aufwenden, Artikel für diese Plattform zu schreiben?

Wikipedia ist ein kreatives Feld

Die Antwort auf die obige Frage ist: Wikipedia ist ein kreatives Feld und beherzigt die 7 Prinzipien für Team Flow. Diese Prinzipien ermöglichen es, dass sich die Motivation der Autoren optimal entfalten kann und sie gemeinsam in den Flow kommen lässt, sodass auch ein „Jedermann-Team“ herausragende und kreative Ergebnisse erzielen kann.

Vision

Die Vision von Wikipedia hat eine Menge Facetten, doch im Kern geht es um die Idee, das Wissen der Menschheit zu sammeln, für jeden kostenlos zur Verfügung zu stellen und einen historisch einzigartigen Ort des Wissensaustausches zu schaffen. Diese Vision hat eine starke Anziehungskraft, aber sie alleine ist noch nicht ausreichend. Denn Visionen gibt es viele. Was also muss noch dazu kommen?

Personenzentrierung

Wikipedia stellt die Autoren ins Zentrum ihrer Vision und erzeugt so eine motivierende Gemeinschaft. Es geht nicht darum, für bestimmte Themen Experten zu finden (oder gar nach modularen Karriereplänen zu entwickeln), sondern jeden Autoren und jede individuelle Meinung so zu akzeptieren wie sie sind und die individuellen Stärken und Schwächen der Autoren zu nutzen, statt sie „glattzubügeln“ oder „auszubessern“.

Vielfalt

Da Wikipedia ihre Autoren so akzeptiert, wie sie sind, und die Vision eine große Menge Menschen anzieht, entsteht eine unerreichte Vielfalt an Themen, Inhalten und Schwerpunkten, die nur durch das Prinzip der Personenzentrierung entstehen kann. Jeder trägt das bei, was er am besten kann, denn eine so umfassende Enzyklopädie wie Wikipedia kann nur entstehen, wenn diese Vielfalt zugelassen, gewünscht und gefördert wird. Selbst mit 1.000 Atomphysikern wäre keine solche Wissensplattform denkbar. Denn man benötigt Wissen aus allen Bereichen, dazu Redakteure und Lektoren, die Texte korrigieren und verbessern und selbstverständlich auch Serveradministratoren, die sich um die Instandhaltung der Infrastruktur kümmern.

Partizipation

Welchen Bereich oder welches Aufgabengebiet man erfüllt, gibt die Wikipedia allerdings nicht vor, sondern jeder kann das beitragen, was er am besten kann. Wenn ich etwa sehr sicher in Rechtschreibung und Grammatik bin, kann ich jeden Artikel – sogar ohne mich anzumelden – korrigieren. Wenn ich Fremdsprachen beherrsche, kann ich Artikel in andere Sprachen übersetzen. Oder ich füge Artikel zu Themen hinzu, die noch nicht gut abgedeckt sind.

Dialog

Die Wikipedia bietet für jeden Artikel eine unmittelbar verfügbare Diskussionsplattform (sogenannte Diskussionsseiten zu jedem Artikel), über welche die Autoren und Mitarbeiter sich über den Inhalt des Artikels austauschen können. Diese Teams finden sich spontan selbst, denn jeder Interessierte kann Nachrichten an andere Autoren hinterlassen. Die Dialoge selbst finden auf Augenhöhe statt und basieren auf dem Konsensprinzip, denn die Teams zu einem Artikel entwickeln sich gewissermaßen spontan, da einfach jeder an der Diskussion teilnehmen kann, der etwas zu dem Artikel beitragen möchte.

Synergie

Durch eben diesen internen Austausch zwischen einer Vielzahl von Teams und Autoren, die keine zentralen Vorgesetzten oder ähnliches kennen, entstehen Synergie-Effekte zwischen den Beteiligten, was dazu führt, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner einzelnen Teile.

Nachhaltigkeit

Bei diesem Projekt, das umfangreiches Wissen, Informationen und sogar Nachrichten kostenlos für jeden zur Verfügung stellt und welches aufgrund seiner digitalen Form stets sehr aktuell und überall verfügbar ist, kann es eigentlich nur Gewinner geben. Das Nachsehen hatten selbstverständlich die Verlage teurer, gedruckter Nachschlagwerke, für deren Produkte nun kaum noch Bedarf besteht. Alles in allem lässt sich jedoch mit gutem Grund sagen, dass der Gewinn durch die Wikipedia für alle größer ist, als die Nachteile, die sie mit sich bringt.

Fazit

Am Beispiel der Wikipedia lässt sich eindrucksvoll zeigen, wie die sieben Prinzipien des Team Flows in der Lage sind, ein kreatives Feld zu erzeugen. Zum Einen macht das kreative Feld es möglich, dass selbst Teams mit Mitgliedern, die nicht mit „herausragender Intelligenz“  oder „außerordentlichen individuellen Fähigkeiten“ gesegnet sind, herausragende Leistungen erzielen können.  Zum Anderen ist das kreative Feld der notwendige Nährboden für Experten oder Spezialisten, welchen sie dringend benötigen, um ihr Potential entfalten zu können.

Bildnachweis: Wikipedia (This work is licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License.)

Über den Autoren:

Ich bin Personal- & Organisationsentwickler und freiberuflich als Trainer und Berater tätig. Meine Themenschwerpunkte sind Motivation, Führungskräfteentwicklung, digitales Lernen und konstruktivistische Lerntheorie.

2 Kommentare

  1. […] entstehen herausragende Ergebnisse immer durch Teamwork – beziehungsweise durch sogenannte kreative Felder, die dafür sorgen, dass Menschen ihre Stärken voll entfalten können und ihre Schwächen durch […]

  2. […] anschaulich und nachvollziehbar mit Beispielen aus der Praxis belegt. So zeigt McGonigal etwa, dass Wikipedia nur funktionieren kann, weil es in seinen wesentlichen Grundzügen genauso konzipiert ist wie ein […]

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