Microlearning, Infografiken und didaktische Reduktion

  • Microlearning und didaktische Reduktion

Microlearning, Infografiken und didaktische Reduktion

Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt und wer erhört werden möchte, muss besondere Wege finden, seine Informationen an den Mann zu bringen. Das gilt für Internetseitenbetreiber, für Marketingstrategen, aber auch für Trainer, denn auch sie möchten letztlich neue Informationen in die Köpfe von Menschen bringen. Die Kenntnis darüber, wie neue Inhalte am besten beim Lerner verankert werden, ist essentiell wichtig, um gute Trainings zu halten.

Immer neue Studien zeigen, wie überlegen optimierte Visualisierungen gegenüber dem (reinen) Wort sind.(1) Eine große Rolle spielt dabei auch die kognitive Theorie des multimedialen Lernens. Auch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch hat sich diese Erkenntnis niedergeschlagen. Nicht umsonst heißt es: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Eine Studie des Massachusetts Institute for Technology konnte zeigen, dass ein MOOC-Video nicht länger als sechs Minuten sein sollte, da danach die Tendenz der Lerner immer höher würde, das Video vorzeitig zu beenden.(2) Ein Radiosong sollte nicht länger als drei Minuten sein und ein Blog-Artikel sollte nicht mehr als 500 Wörter haben, weil er sonst selten zu Ende gelesen wird.(3) Auch Microlearning ist ein wichtiger Trend, welcher sich auf zeitliche Verkürzung von didaktischen Prozessen konzentriert.(4) Und selbst vor dem Lesen macht die Optimierung nicht halt: Spritz pass auf!

Optimierung allerorten

Die Fragen, die sich – meiner Meinung nach – durch diesen Hype der mundgerechten Lernstückchen immer mehr aufdrängen, sind vielgestaltig. Was ist mit den Inhalten, die sich nicht in die Länge eines sechsminütigen Videos pressen lassen? Was ist mit den Inhalten, die sich nur schwerlich in eine Visualisierung übertragen lassen, etwa der kategorische Imperativ nach Immanuel Kant? Wie kürzen wir literarische Wälzer wie Adalbert Stifters Nachsommer oder Manns Buddenbrooks? Wenn das Bild dem Wort so überlegen ist, wie es besonders im Internet allerorten propagiert wird, warum haben wir in unserer westlichen Gesellschaft keine Hieroglyphenschrift entwickelt, sondern eine Alphabetschrift? Wie verankern wir Wissen, das wir aus visuellen Quellen wie Videos haben, im Gegensatz zu Wissen, das wir in rein textlicher Form aufgenommen haben? Was passiert, wenn wir die Fähigkeit, komplexe, lange und schwierige Texte zu verstehen, verlieren – und niemand da ist, um uns aus dem Text eine leicht zugängliche Visualisierung zu zeichnen?

Reduktion in Lernprozessen ist nur der erste Schritt

Die optimale Informationsdarreichung ist nur die eine Hälfte der Wahrheit – zumindest, was Lernprozesse angeht. Die andere Hälfte ist das Eröffnen neuer Perspektiven, neuer Lernmöglichkeiten und das (gezielte) Erhöhen der Aufmerksamkeitsspanne der Lerner. Wir als Trainer dürfen uns also eben nicht damit zufrieden geben, dass unsere Lerner lediglich 6 Minuten Aufmerksamkeit für ein Video aufbringen können, sondern müssen Methoden und Wege entdecken, welche eben diese 6 Minuten weiter erhöhen. Wir dürfen komplexe Inhalte eben nicht immer mehr und immer mehr vereinfachen, weil unsere Lerner nicht genügend Vorverständnis und Aufmerksamkeit mitbringen, sondern wir müssen die Inhalte in einem ersten Schritt vereinfachen und zugleich Möglichkeiten entwickeln, um unsere Lerner durch darauf folgende Schritte an immer komplexer werdende Inhalte heranzuführen.

Wenn man so möchte, ebnet die Optimierungswut  von „Lernprozessen“ – überspitzt gesprochen – den Weg für eine methodische Halbbildung, die auf der untersten Bloomschen Taxonomiestufe verharrt. Im Vordergrund steht ausschließlich die zu vermittelnde Information, die vom Lerner behalten werden soll; nicht der Wunsch, Lerner zum eigenständigen Denken über ein Thema anzuregen und ihnen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, sich mit den Lerninhalten selbst auseinanderzusetzen und sie zu verstehen – wie dies etwa auf der Taxonomiestufe der Synthese der Fall ist. Wenn ich also eingangs schrieb, dass es essentiell wichtig ist zu wissen, wie Lerner Informationen aufnehmen, dann dürfen wir nicht den zweiten Schritt (und alle weiteren Schritte) vergessen: den Lernern Kompetenzen an die Hand geben, mit diesen Informationen umzugehen und ihre Perspektiven zu erweitern.

Anmerkungen   [ + ]

1. Sehr anschaulich und interessant ist dies beispielsweise auf der Webseite von Neo Mam Studios gemacht worden.
2. Tipp 1 in unserer Infografik zum Thema Lernvideos
3. Dieser Beitrag hat im Übrigen 649 Wörter, aber das nur am Rande
4. Mehr dazu können Sie im Blog von Peter Baumgartner nachlesen.

Über den Autoren:

Ich bin Personal- & Organisationsentwickler und freiberuflich als Trainer und Berater tätig. Meine Themenschwerpunkte sind Motivation, Führungskräfteentwicklung, digitales Lernen und konstruktivistische Lerntheorie.

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