Was ist Flow?

Was ist Flow? 2017-10-31T16:27:39+00:00

Der Flow-Effekt wurde in den 70er-Jahren vom Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi (sprich „Mi-hai Tschik-Tzent-Mi-Hai“) entdeckt und ist – neben Autonomie und Gemeinschaft – die zweite wichtige Säule für die Entstehung von Motivation. Jeder von uns hat bereits Flow erlebt und weiß, wie positiv wir ihn wahrnehmen. „Ich bin gerade total im Flow!“ ist nicht umsonst eine beliebte Redewendung in unserem Alltag. Auf den ersten Blick scheint also kein großes Geheimnis hinter all dem zu stecken. Doch wenn wir uns das Thema genauer anschauen, wird die Sache schon etwas kniffliger. Zumindest war dies eine der Erkenntnisse des FlowMOOC17, den ich in diesem Jahr mit 70 weiteren Teilnehmern veranstaltet habe.

Wie erleben wir Flow?

Wenn wir im Flow sind, verlieren wir unser Gefühl für Raum und Zeit. Sie scheinen zu verschwimmen oder gar nicht mehr zu existieren. Wenn wir ganz bei einer Sache sind, kann es passieren, dass wir irgendwann aufschauen und aus dem Fenster blicken, nur um festzustellen, dass es draußen dunkel ist und – statt weniger Augenblicke – bereits viele Stunden vergangen sind. Im Flow sind wir uns unserer Selbst nicht mehr bewusst. Das Ich-Gefühl verschwindet und das, was wir gerade tun, scheint nur noch „durch uns hindurch zu fließen“. (Dieses Erlebnis „des Fließens“ war im Übrigen genau der Grund, warum Czsikszentmihalyi seine Entdeckung so nannte, denn mit diesen Worten wurde es ihm von seinen Interviewpartnern sehr häufig beschrieben.) Unser Tun und unser Bewusstsein verschmelzen miteinander.

Neurobiologisch betrachtet entsteht Flow vor allem dadurch, dass die gesamte „Datenbandbreite“, die unserem Gehirn für Aufmerksamkeit zur Verfügung steht (ca. 110 Bits/s), durch die Konzentration, welche die Tätigkeit benötigt, vollkommen aufgebraucht wird. Er kann also nur dann entstehen, wenn die Tätigkeit ausreichend komplex ist und wir hoch konzentriert und hoch motiviert bei der Sache sind bzw. sein müssen. Dieser hohe Informationsfluss sorgt dann dafür, dass andere Informationen, Sinneseindrücke und Impulse nicht mehr in unser Bewusstsein vordringen können.

Merkmale des Flow-Erlebens

  • Wir vergessen unsere eigene Existenz und verlieren uns vollkommen in der Tätigkeit.

  • Handeln und Bewusstsein verschmelzen miteinander und die volle Konzentration gilt der Tätigkeit.

  • Dinge von außerhalb können nicht wahrgenommen werden.

  • Wir verlieren das Gefühl für Zeit und Raum.

Wie entsteht Flow?

Flow entsteht jedoch nicht einfach so aus dem Nichts, sondern hat bestimmte Voraussetzungen. Nicht jede Tätigkeit, bei der wir uns stark konzentrieren müssen, erzeugt automatisch auch Flow.

Herausforderungen und Fähigkeiten sind im Einklang

Die bekannteste Bedingung für das Entstehen von Flow ist, dass unsere eigenen Fähigkeiten mit den Anforderungen der Aufgabe in Einklang sein müssen. Ist die Aufgabe zu leicht, erleben wir maximal das Gefühl von Kontrolle, meistens aber wohl eher Langeweile, im schlimmsten Fall Apathie. Falls die Aufgabe jedoch zu schwer ist, entsteht Aufregung, die sich meist in einer gewissen Art von „Hektik“ äußert. Wir merken dann, dass wir der Aufgabe eigentlich nicht gewachsen sind. Schlimmstenfalls sorgt Überforderung für Versagensängste oder lässt uns auch wieder in Apathie verfallen. Die Herausforderung erscheint dann so groß, dass wir keinen Impuls mehr verspüren, uns an sie heranzuwagen.

Flow - Anforderungen und Fähigkeiten

Natürlich sind angemessene Herausforderungen wichtig, um Flow zu erleben, um so letztlich auch das zu erreichen, was Dan Pink Mastery und Edward Deci Kompetenz nennen. Aber angemessene Herausforderungen sind eben auch nicht die einzige Bedingung für Flow. Viele Vorgesetzte glauben, sie müssten ihren Mitarbeitern nur ausreichend herausfordernde Aufgaben stellen und Flow (bzw. die Motivation) würde sich dann von alleine einstellen. Doch damit er wirklich entsteht, ist es notwendig, dass auch andere Punkte berücksichtigt werden.

Nichtsdestotrotz führt eine konstante Anpassung neuer Herausforderungen an unsere immer besser werdenden Fähigkeiten dazu, dass wir zu Erfolgsdenkern werden. Wenn wir es ganz genau betrachten, ist Flow sehr gut nutzbar, um Lernen zu fördern. Wenn wir stets nur die Herausforderungen bewältigen müssen, die unserem derzeitigen Kenntnisstand entsprechen, so führt das irgendwann dazu, dass wir aus dem Flow-Kanal herausfallen. Durch die vielen Wiederholungen, werden wir ja immer besser, sodass gleichbleibende Aufgaben keinen Flow mehr erzeugen können. Wir bewegen uns in den Bereich der Kontrolle. Da wir Flow jedoch sehr positiv erleben, führt das unweigerlich dazu, dass wir uns von alleine neue Herausforderungen suchen.

Intrinsische Motivation

Angemessene Herausforderungen alleine reichen nicht aus, um Flow zu erzeugen. Wichtig ist auch, dass die Motivation etwas zu tun, in der Tätigkeit selbst liegt. Das, was wir tun, muss also intrinsisch motiviert sein. Wir müssen die Tätigkeit sozusagen um ihrer selbst willen ausüben und nicht, weil wir damit etwas anderes erreichen möchten. (Wenn wir etwa für eine Klausur lernen, damit wir eine gute Note schreiben, sind wir beispielsweise extrinsisch motiviert. Und es scheint so, als würden uns extrinsische Motive zu sehr von der Tätigkeit selbst ablenken und somit das Flow-Erlebnis eher behindern. Csikszentmihalyi bezeichnet intrinsisch motivierte Tätigkeiten auch als autotelisch: auto für „selbst“ und telos für „Ziel“.

An dieser Stelle können wir bereits sehen, dass es schwierig werden kann, Flow auf der Arbeit zu erleben, da wir in der Regel arbeiten gehen, um Geld zu verdienen. Zumindest dann, wenn unsere Arbeit keinen tieferen Wert oder Bedeutung hat. Sinn, Werte und Bedeutung auf der Arbeit hingegen können helfen, unseren Lohn als Ergebnis unseres Tuns zu betrachten und nicht als das eigentliche Ziel der Arbeit. Eine starke Unternehmensvision, die Sinn und Wert der Arbeit vermittelt, kann also helfen, intrinsische Motivation zu erzeugen, denn Profit ist nicht das Unternehmensziel. Sinnvolles Tun, auch Arbeit, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass man sich als Teil von etwas Größerem versteht und nicht als kleines Rädchen im System.

Unmittelbares Feedback

Um Flow zu erleben, brauchen wir außerdem eine unmittelbare Rückmeldung durch die Tätigkeit selbst. Wenn wir zum Beispiel eine Gitarre spielen, hören wir unmittelbar am Klang eines gespielten Akkords, wie gelungen unsere Performance ist; das gilt sowohl für gelungene als auch misslungene Akkorde. Feedback erzeugt Klarheit darüber, wo wir stehen und was wir als nächstes tun müssen, um weiterzukommen.

Gesellschaftsspiele und Computergames sind wahre Meister darin, Flow zu erzeugen. Eben weil es ihnen auch gelingt, den Spielern ein klares Feedback darüber zu geben, wo sie gerade stehen. (Vorausgesetzt, sie sind gut designt.) In Spielen ist immer klar, welchen Effekt ein Spielzug, den ich gerade gemacht habe, hat. Für unsere Arbeit ist das hingegen sehr häufig vollkommen unklar. Trotz aller Kennzahlen und Bewertungssysteme wissen wir häufig nicht, ob wir unsere Arbeit gut oder schlecht gemacht haben oder wir erhalten das Feedback nur sehr spät oder gar nicht. Diesen Missstand der „Realität“ im Gegensatz zu Spielen machte vor allem Jane McGonigal in ihrem Bestseller Reality is broken deutlich.

Klare Ziele

Während wir etwas tun, muss das Ziel immer klar sein. Dies betrifft sowohl das „übergreifende Ziel“ an sich als auch die einzelnen Teilziele und Schritte, die mich zu meinem Ziel führen. Wenn wir als Bergsteiger einen Gipfel erklimmen wollen, dann suchen wir uns eine Route aus und während des Bergsteigens selbst ist dann stets genau klar, was wir konkret tun müssen, um unserem Ziel näher zu kommen. Müssen wir erst überlegen, wie wir an eine Sache herangehen, wird es schwierig, Flow zu erleben. In dem Fall sind wir mehr damit beschäftigt, Entscheidungen zu treffen, Vor- und Nachteile abzuwägen oder Überlegungen anzustellen, wie wir weiter vorgehen wollen.

Feedback ein sehr wichtiger Aspekt, um zu wissen, wo wir stehen. Schulnoten oder Kennzahlen sollen häufig diese Funktion übernehmen. Oft werden sie jedoch auch als Belohnungs- und Strafe-Instrument in stark kontrollierenden Umgebungen genutzt, sodass aus diesen Instrumenten Mechaniken werden, die das Selbstwertgefühl von Menschen stark beschädigen können. Den Unterschied zwischen Feedback und Bewertung habe ich in meinem Artikel Es sind nicht die Noten, sondern der Kontext näher erläutert.

Das alles bedeutet jedoch nicht, dass Flow nicht bei besonders kreativen Aktivitäten eintreten kann oder wir Flow nur alleine erleben können. Ganz im Gegenteil! Auch Jazzmusiker, die gemeinsam improvisieren, kommen (gemeinsam) in den Team Flow. Wichtig ist jedoch dabei, dass auch bei der Improvisation das gemeinsame Ziel für jeden klar ist. Für den Kreativitätsforscher Prof. Dr. Olaf-Axel Burow ist die gemeinsame Vision einer von insgesamt 7 wichtigen Aspekten für die Entstehung von Team Flow, nachzulesen im gleichnamigen Buch. Doch erst alle sieben Punkte gemeinsam bilden den Nährboden für Kreative Felder, was sich sehr gut am Beispiel von Wikipedia verstehen lässt.

Auf der Arbeit begegnen uns oft Vorgaben, die dazu führen, dass das Ziel eben nicht erreicht wird. Das heißt, es gibt zwar die sogenannten SMART-Ziele, aber wenn wir uns an die Spielregeln des Unternehmens halten, können wir die eigentlichen Ziele gar nicht erreichen. Eine Möglichkeit, das zu beheben, ist nach Marc Poppenburg die sogenannte Wertschöpfungshygiene. Cathi Bruns stellt in Ihrem Buch Work is not a job sogar fest, dass Konzerne – egal wie sie sturkturiert sind – überhaupt nicht geeignet sind, klare Ziele zu formulieren und uns auf Basis von Sinn und Bedeutung Selbstverwirklichung zu ermöglichen.

TED-Talk von Mihaly Csikszentmihalyi

Falls Sie sich noch nicht mit dem Thema Flow beschäftigt haben oder Ihnen noch Aspekte des Flows unklar sein sollten, empfehle ich Ihnen übrigens diesen sehr sehenswerten TED-Talk von Mihalyi Csikszentmihalyi aus dem Jahr 2004, in dem der Entdecker des Flow-Phänomens persönlich ein paar sehr interessante Dinge über Flow zu erzählen hat.

Auch im Handout „Was ist Flow?“ aus dem FlowMOOC finden Sie noch zusätzliche und tiefergehende Informationen zum Thema Flow.

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