Unternehmen sind wie Gehirne

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Unternehmen sind wie Gehirne

Wenn wir uns über Unternehmenskultur unterhalten, dann geschieht dies meist mit einer hohen Aufmerksamkeit. Wir reden über Werte, Wünsche und Visionen. Und solange wir darüber reden und diskutieren, sind wir uns bei den meisten Punkten vollkommen einig.

Sobald es dann jedoch darum geht, diese Vorstellungen in die Praxis zu übersetzen, gelingt dies meist wenig bis gar nicht. Das passiert nicht, weil wir es nicht wirklich wollen oder weil wir zu wenig Motivation aufbringen. Sondern weil die notwendige Aufmerksamkeit plötzlich fehlt und/oder zu viele Dinge auf einmal verändert werden (sollen).

Und wenn Aufmerksamkeit fehlt, greifen wieder die vorhandenen Mechanismen und Normen, die auch in der Vergangenheit gegriffen haben. In Unternehmen gibt es bestimmte Prozesse, die  – wenn man Kollegen darauf anspricht – jeder überflüssig, kontraproduktiv oder schlecht findet. Aber trotzdem sind diese Prozesse so stark etabliert, dass sie einfach nicht verschwinden wollen; unabhängig davon wie sehr wir uns vornehmen, es anders zu machen.

Veränderungsprozesse in Unternehmen sind meist genauso „erfolgreich“ wie Neujahrsvorsätze von einzelnen Menschen.

Vielleicht ist es möglich und denkbar, Unternehmen wie ein Gehirn zu betrachten. Dabei meine ich jetzt nicht, dass allein die Geschäftsführung das denkende Gehirn wäre und die einzelnen Abteilungen lediglich der ausführende Körper. Was ich vielmehr meine: Alle Mitarbeiter eines Unternehmens gemeinsam „sind“ dieses Gehirns.

Top-Down- und Bottom-Up-Prozesse im Gehirn

Im Gehirn eines Menschen gibt es (stark vereinfacht gesprochen) zwei verschiedene Arten von Prozessen, die Verhaltensänderung schwierig machen. Da sind zum einen die sogenannten Top-Down-Prozesse. Diese laufen in den neueren Hirnbereichen (im sogenannten Neocortex) ab. Hier sitzt unser Bewusstsein und unsere Aufmerksamkeit, also im Großen und Ganzen, das, was wir „erleben“. Leider sind die Kapazitäten dieser Top-Down-Prozesse begrenzt und wir können uns sozusagen nicht um alles gleichzeitig kümmern. Außerdem kosten diese Hirnprozesse sehr viel Energie.

Deshalb besitzt unser Gehirn die bemerkenswerte Fähigkeit, bestimmte Tätigkeiten, die sich immer wiederholen, „auszulagern“ und als automatisierte Routine, als Bottom-Up-Prozess, abzuspeichern. Das ist schneller, energieeffizienter und benötigt keine Konzentration – die Prozesse laufen ja automatisch ab. Jedes Mal, wenn wir lernen, benötigen wir für eine neue Tätigkeit zuerst die energieaufwändigen, langsamen und bewussten Aufmerksamkeitsprozesse, beispielsweise wenn wir Fahrradfahren oder Schwimmen lernen. Durch beständiges Wiederholen automatisiert unser Gehirn den Ablauf, damit er als Routine „im Hintergrund abgespielt“ werden kann. Wenn wir etwas oft genug wiederholen, haben wir unsere Aufmerksamkeit wieder für andere Dinge frei.

Der größte Vorteil dieses Prozesses ist aber auch zugleich sein größter Fluch! Die automatisierten Routinen des Gehirns sind sehr beständig gegen Veränderung und lassen sich nur mit viel Aufwand, Mühe (und Aufmerksamkeit) mit neuen Routinen überschreiben.

Unternehmen sind wie Gehirne

Lassen wir uns einmal darauf ein: Stellen wir uns vor, in einem Unternehmen gibt es bewusste und energieaufwändige Top-Down-Prozesse und unbewusste, automatisch ablaufende Bottom-Up-Handlungsmuster. Beispiele für Top-Down-Prozesse wären beispielsweise die Besprechung eines neuen Projektes, die Planung des Geschäftsjahres oder die derzeit allseits beliebte Digitalisierung des Unternehmens. Und dann gibt es da Handlungen, Prozesse und Vorgänge in Unternehmen, die sich bereits als Normen beziehungsweise Bottom-Up-Prozesse etabliert haben. Das sind all die vielen Dinge, die ein Unternehmen gelernt (und automatisiert!) hat. Es sind die Handlungsmuster, die jeder kennt und die sich bewährt haben: „So machen wir das hier!“

Nimmt man diesen Vergleich als Folie, kann man – so scheint es mir zumindest – verstehen, warum so viele von den wichtigen Beschlüssen und Überlegungen, die ein Unternehmen anstellt, in der Praxis nicht umgesetzt werden. Im Alltag, wenn die Aufmerksamkeit geringer wird durch die vielen Dinge, die erledigt werden müssen, greifen Normen und Handlungsmuster bei Unternehmen genauso wie es die automatisierten Prozesse im Gehirn einzelner Menschen tun.

Aber auch die Ratschläge und Umsetzungsstrategien sind in dieser Hinsicht vielleicht genau die gleichen, wie bei einzelnen Menschen:

Schlussfolgerungen

  • Veränderung ist immer schwierig (auch bei scheinbar leichten und einfachen Projekten).
  • Veränderungen erfordern viel Aufmerksamkeit und gehen nur langsam voran.
  • Man sollte sich wenige Ziele setzen und diese mit einem starken Fokus verfolgen.
  • Veränderungsprozesse lassen sich am besten umsetzen, wenn viele kleine Ziele logisch aufeinander aufbauen und schrittweise etabliert werden. Erst wenn ein Etappenziel geschafft ist, sollte der nächste Schritt angegangen werden.
  • Disruption scheitert an der Beharrlichkeit von Normen und Handlungsmustern, die ähnlich widerstandsfähig sind wie Bottom-Up-Routinen in menschlichen Gehirnen.
Von | 2017-11-09T09:38:47+00:00 16. Mai 2017|Kategorien: Change Management, Organisationsentwicklung|Tags: , |1 Kommentar

Über den Autoren:

Ich bin Personal- & Organisationsentwickler und freiberuflich als Trainer und Berater tätig. Meine Themenschwerpunkte sind Motivation, Führungskräfteentwicklung, digitales Lernen und konstruktivistische Lerntheorie.

Ein Kommentar

  1. […] ein paar Monaten habe ich in meinem Artikel Unternehmen sind wie Gehirne schon einmal die Beharrlichkeit bereits existierender Normen als einen Grund dafür angeführt, […]

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